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Thilo Krause
NLP-Lexikon

Wahrnehmungspositionen im NLP

Kurzdefinition

Wahrnehmungspositionen sind Blickwinkel, aus denen Sie eine Situation nacheinander betrachten: aus Ihrer eigenen Sicht, aus der Sicht des Gegenübers und aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters. Die Übung soll ein Gespräch oder einen Konflikt vollständiger erfassen, als es aus der eigenen Position allein gelingt.

Ausführlich erklärt

Die erste Position ist die eigene. Sie sehen mit Ihren Augen, spüren, was Sie spüren, und wissen, was Sie wollen. In der zweiten Position versetzen Sie sich so weit wie möglich in die andere Person, in ihre Lage, ihr Wissen, ihre Interessen und sogar ihre Sprechweise. Die dritte Position gehört einem Beobachter, der beide sieht und keine Partei ergreift. Manche Schulen ergänzen eine vierte Position, die das ganze System im Blick hat, etwa das Team oder die Organisation.

Im NLP haben John Grinder und Judith DeLozier die Positionen Ende der 1980er-Jahre ausgearbeitet. Neu ist der Gedanke nicht. Wer sich auf ein schwieriges Gespräch vorbereitet, fragt sich ohnehin, wie es für den anderen aussieht. Das Modell macht daraus eine Übung mit festen Schritten.

Im Training wechseln die Teilnehmenden dafür oft den Platz. Jede Position bekommt einen eigenen Stuhl, und wer in der zweiten Position sitzt, spricht in der Ich-Form als die andere Person. Das fühlt sich anfangs seltsam an. Der Ortswechsel hilft aber, die Positionen auseinanderzuhalten, statt im Kopf zwischen ihnen hin und her zu springen. Aus der dritten Position fällt manchmal auf, was beide übersehen haben, zum Beispiel dass sie über verschiedene Dinge streiten oder dass keiner ausgesprochen hat, was er braucht.

Beispiel: das Gespräch über verpasste Abgaben

Ein Teamleiter will mit einer Kollegin sprechen, die zum dritten Mal eine Abgabe verpasst hat. Er bereitet sich mit den drei Positionen vor.

In der ersten Position ist die Sache klar. Er braucht verlässliche Termine, weil zwei andere Teams auf die Ergebnisse warten. Und er ist verärgert, weil er schon zweimal nachgehakt hat.

In der zweiten Position setzt er sich auf den anderen Stuhl und spricht als sie. Dabei fällt ihm ein, dass sie Aufgaben aus zwei Projekten bekommt und der andere Projektleiter genauso drängt. "Ich weiß nicht, wessen Termin Vorrang hat, und keiner sagt es mir."

In der dritten Position schaut er auf beide und merkt, dass er seit Wochen über Termine redet und nie über Prioritäten. Er geht deshalb mit einer anderen Frage ins Gespräch: "Welche Aufgaben konkurrieren gerade bei Ihnen, und wer müsste entscheiden, was zuerst kommt?"

Ob seine Vermutung aus der zweiten Position stimmt, weiß er erst nach ihrer Antwort.

Grenzen und häufige Missverständnisse

Die zweite Position ist eine Vermutung. Sie stellen sich vor, wie es für den anderen ist, und füllen die Lücken mit Ihren eigenen Annahmen. Wie unzuverlässig das sein kann, zeigt eine Reihe von Experimenten, die Tal Eyal, Mary Steffel und Nicholas Epley 2018 veröffentlicht haben. Versuchspersonen, die sich gezielt in andere hineinversetzten, schätzten deren Gedanken und Vorlieben nicht treffsicherer ein. Treffsicherer wurden sie, wenn sie die andere Person fragten.

Für die Übung heißt das, dass sie Fragen vorbereitet und keine ersetzt. Wer nach der zweiten Position glaubt zu wissen, was die Kollegin denkt, und das Gespräch danach ausrichtet, hat die Übung missverstanden. Studien zu den Wahrnehmungspositionen als NLP-Format sind mir nicht bekannt.

Auch die dritte Position wird überschätzt. Sie ist kein neutraler Ort, an dem man recht bekommt, denn der Beobachter sind ja wieder Sie, mit denselben blinden Flecken. Sie verschafft etwas Abstand zum eigenen Ärger, mehr nicht.

Wie Sie solche Gespräche führen, solange der Konflikt noch klein ist, beschreibe ich im Beitrag Konflikte werden nicht größer, nur teurer.

Verwandte Begriffe

  • Kalibrieren

    Was Sie im echten Gespräch beobachten, um Ihre Vermutung zu prüfen.

  • Pacing und Leading

    Wie Sie im Gespräch an die Sicht des anderen anschließen.

  • Logische Ebenen

    Ein weiteres Modell, um einen Konflikt von mehreren Seiten zu betrachten.

  • Ökologie-Check

    Vor einer Entscheidung prüfen, was sie für die Betroffenen bedeutet.

Wahrnehmungspositionen im Training üben

Im NLP-Training probieren Sie die Modelle an Gesprächen aus Ihrem eigenen Arbeitsalltag aus. Dazu gehört, wann ein Werkzeug passt und wann nicht.

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