Timeline-Arbeit im NLP: Anleitung für die eigene Zeitlinie, mit Beispiel und Übung
Wie Sie Ihre eigene Zeitlinie finden und auf ihr ein Vorhaben vom Ende her planen oder ein abgeschlossenes Projekt mit Abstand ansehen. Mit Herkunft, einer Anleitung in sieben Schritten, einem erfundenen Beispiel aus der Projektleitung, einer Übung für eine Woche und den Grenzen der Methode.
Fragen Sie jemanden, wo für ihn der letzte Sommer liegt und wo der nächste, zeigen die meisten ohne Nachdenken in zwei Richtungen. Manche zeigen nach hinten und nach vorn, andere nach links und nach rechts. Mit dieser Anordnung arbeitet die Timeline.
Timeline-Arbeit, auf Deutsch Arbeit mit der Zeitlinie, ist ein NLP-Format, bei dem Sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Linie im Raum auslegen, meist mit Zetteln auf dem Boden. Sie gehen die Linie ab, bleiben an einzelnen Zeitpunkten stehen und treten auch neben sie, um das Ganze von außen zu sehen. Im Beruf hilft das bei zwei Aufgaben. Sie planen ein Vorhaben vom Ende her, oder Sie sehen mit Abstand auf ein abgeschlossenes Projekt zurück. Für belastende Erinnerungen ist die Übung nicht gedacht.
Dieser Beitrag zeigt, woher die Methode kommt und wie Sie Ihre eigene Linie finden. Danach folgen eine Anleitung in sieben Schritten, ein erfundenes Beispiel, eine Übung für eine Woche, typische Fehler und die Grenzen. Die kurze Begriffserklärung steht im Lexikoneintrag Timeline.
Woher die Timeline-Arbeit kommt
Im NLP entstand die Arbeit mit der Zeitlinie Mitte der 1980er-Jahre. Steve Andreas hielt im Juni 1985 auf einer NLP-Konferenz in Denver einen dreistündigen Vortrag über Zeitlinien. 1987 erschien Change Your Mind and Keep the Change von Connirae und Steve Andreas, und auch darin beschreiben die beiden die Arbeit mit Zeitlinien.
Tad James und Wyatt Woodsmall veröffentlichten 1988 Time Line Therapy and the Basis of Personality. James machte daraus ein eigenes Verfahren, das unter dem Namen Time Line Therapy als Marke für ihn eingetragen ist. Dieses Verfahren richtet sich auf belastende Gefühle aus der Vergangenheit. Mit der Übung in diesem Beitrag hat es nichts zu tun, und ich vermittle es hier nicht.
Die Begriffe „In Time" und „Through Time" sind älter als beide Bücher. Nach dem Rückblick von Steve und Connirae Andreas gehörten sie schon Anfang der 1980er-Jahre zum Stoff von NLP-Trainings. Damals galten sie als Teil der Metaprogramme, also als weitgehend feste Eigenschaft einer Person.
Wie Sie Ihre eigene Zeitlinie finden
Bevor Sie etwas auf den Boden legen, finden Sie heraus, wo Zeit für Sie liegt. Eine Vorgabe hilft dabei nicht, denn die Anordnung ist von Mensch zu Mensch verschieden.
- Gestern und morgen. Denken Sie an etwas, das Sie gestern getan haben, und an etwas, das morgen ansteht. Zeigen Sie spontan mit der Hand, wo Sie beides verorten.
- Letztes und nächstes Jahr. Wiederholen Sie das mit einem Ereignis aus dem letzten Jahr und einem Plan für das nächste.
- Linie verbinden. Verbinden Sie die Punkte in Gedanken. Wo liegt die Vergangenheit, wo die Zukunft, und wo stehen Sie selbst?
NLP-Ausbildungen unterscheiden dabei meist zwei Muster:
- In Time. Die Linie läuft durch Sie hindurch. Die Vergangenheit liegt oft hinter Ihnen, die Zukunft vor Ihnen, und Sie stehen mitten im Jetzt.
- Through Time. Die ganze Linie liegt vor Ihnen, oft von links nach rechts. Sie sehen Vergangenheit und Zukunft zugleich.
Viele Linien passen in keines der beiden Muster. Bei manchen steigt die Zukunft schräg nach oben an, bei anderen liegt die Vergangenheit rechts. Für die Übung ist das gleichgültig, sie beginnt bei der Anordnung, die Sie gefunden haben. In manchen Büchern steht, In-Time-Menschen lebten stärker im Moment und Through-Time-Menschen planten pünktlicher. Belege dafür kenne ich nicht, deshalb lese ich aus Ihrer Linie nichts über Ihre Persönlichkeit heraus.
Finden Sie keine Richtung, nehmen Sie einen Zeitstrahl auf Papier, von links nach rechts. Die Übung funktioniert damit genauso.
Anleitung: Timeline-Arbeit in sieben Schritten
Diese Fassung plant ein Vorhaben mit festem Termin. Planen Sie eine halbe Stunde ein und suchen Sie einen Raum mit vier bis fünf Metern freiem Boden. Dazu brauchen Sie einige Blätter Papier und einen Stift.
- Thema wählen. Nehmen Sie ein Vorhaben, das Sie in den nächsten Monaten abschließen wollen, etwa eine Systemeinführung, eine Prüfung oder den Umzug Ihres Teams. Es braucht einen Termin. Persönliche Krisen und belastende Erlebnisse gehören nicht in diese Übung.
- Linie auslegen. Legen Sie die Linie in die Richtung, die Sie oben gefunden haben. Ein Zettel „Heute" markiert den Anfang, ein Zettel mit dem Zieltermin das Ende. Liegt Ihre Zukunft vor Ihnen, läuft die Linie von Ihnen aus nach vorn in den Raum.
- Zwischenpunkte setzen. Legen Sie zwei bis vier Zettel für Monate oder Meilensteine dazwischen, gleiche Zeiträume in gleichen Abständen. Schreiben Sie zunächst nur das Datum darauf.
- Auf das Ziel stellen. Stellen Sie sich auf den Zieltermin und schauen Sie in Richtung Heute. Beschreiben Sie laut, was an diesem Tag fertig ist und woran Sie das merken. Was sehen Sie, wer sagt was zu Ihnen? Bleiben Sie stehen, bis das Bild konkret ist, und notieren Sie drei Stichworte auf dem Zettel. Welche Kriterien ein Ziel prüfbar machen, steht im Eintrag wohlgeformte Ziele.
- Rückwärts gehen. Gehen Sie Zettel für Zettel in Richtung Heute. Fragen Sie an jedem, was bis zu diesem Punkt erledigt sein muss, damit der nächste klappt. Schreiben Sie die Antwort auf den Zettel.
- Neben die Linie treten. Treten Sie zwei Schritte zur Seite und sehen Sie die ganze Linie an. Achten Sie auf Stellen, an denen viel auf einmal anfällt, auf Lücken und auf Zuarbeit von anderen, auf die Sie warten. Dieser Blick von außen entspricht der dritten Position aus den Wahrnehmungspositionen.
- Ergebnis übertragen. Sammeln Sie die Zettel in ihrer Reihenfolge ein und tragen Sie die Schritte in Ihren Kalender ein. Legen Sie fest, welcher Schritt in den nächsten sieben Tagen passiert.
Rückwärts planen können Sie auch am Schreibtisch. Die Linie auf dem Boden gibt vor allem die Reihenfolge vor, in der Sie denken, erst das Ende und dann den Weg dorthin. Studien, die das Planen im Raum mit dem Planen auf Papier vergleichen, kenne ich nicht. Die Übung weiter unten lässt Sie beides selbst vergleichen.
Variante für den Rückblick. Für ein abgeschlossenes Projekt liegt die ganze Linie in der Vergangenheit, vom Projektstart bis zum Abschluss. Sie gehen vom Start zum Ende und bleiben an den Stellen stehen, an denen Entscheidungen gefallen sind. Dann treten Sie neben die Linie und sehen den Verlauf von außen an. Was Ihnen dabei einfällt, prüfen Sie hinterher an Unterlagen wie Protokollen, Mails oder dem Projektplan. Warum das nötig ist, steht unten bei den Grenzen.
Beispiel: der Rückblick auf ein verspätetes Projekt
Das folgende Beispiel ist erfunden.
Jonas leitet Projekte in der IT eines Maschinenbauers. Im Herbst hat er die Umstellung des Ersatzteillagers auf ein neues Warenwirtschaftssystem abgeschlossen, drei Monate später als geplant. Im Januar beginnt das nächste Projekt dieser Art. Vorher will er verstehen, wo die Verspätung entstanden ist, und zwar ohne die übliche Runde, in der jeder erklärt, warum es nicht an ihm lag.
Die Linie. Für Jonas liegt die Vergangenheit links und die Zukunft rechts. Er legt im Besprechungsraum sechs Zettel von links nach rechts aus. Sie stehen für den Projektstart im Februar, die Auswahl des Systems im April, den Testlauf im Mai, den geplanten Start im Juni, den tatsächlichen Start im September und das Heute.
Auf der Linie. Er geht vom Februar aus nach rechts und bleibt an jedem Zettel stehen. Am April-Zettel fällt ihm ein, dass er den Testlauf damals von drei Wochen auf eine gekürzt hat, weil der Lieferant seinen Termin verschoben hatte. Am Mai-Zettel merkt er wieder, wie eng es sich damals angefühlt hat.
Daneben. Als er neben die Linie tritt, sieht er die Kürzung im April und die Fehler, die den geplanten Start im Juni verhindert haben, als eine Kette. Zwischen beiden liegt nur ein Zettel. Am Schreibtisch hatte er die Verspätung bisher dem Lieferanten zugeschrieben.
Der Abgleich. Am nächsten Tag liest er im Projektprotokoll nach. Die Kürzung steht dort, allerdings auf zwei Wochen und nicht auf eine. In seiner Erinnerung war sie drastischer geworden.
Danach. Im Plan für das nächste Projekt steht ein Testlauf von drei Wochen, den niemand ohne seine Zustimmung kürzen kann. Ob er ohne die Zettel zum selben Schluss gekommen wäre, weiß er nicht. Eine schriftliche Rückschau mit dem Team hätte die Kürzung vermutlich auch gezeigt. Für ihn war die Linie im Raum der Anlass, das Projekt einmal in der richtigen Reihenfolge durchzugehen.
Übung: eine Woche mit einem Vorhaben
Wenn Sie die Timeline-Arbeit allein ausprobieren, nehmen Sie ein Vorhaben mit einem Termin in zwei bis sechs Monaten. Es sollte Ihnen wichtig sein, Sie aber nicht belasten.
- Am ersten Tag finden Sie Ihre Linie. Fünf Minuten mit den drei Fragen oben genügen. Notieren Sie, wo Vergangenheit und Zukunft für Sie liegen.
- Am zweiten Tag schreiben Sie das Vorhaben auf. Ein Satz nennt das Ziel mit Termin, ein zweiter, woran Sie merken, dass es erreicht ist.
- Am dritten Tag gehen Sie die Linie ab. Nehmen Sie sich die sieben Schritte oben vor, das dauert etwa eine halbe Stunde. Wer keinen freien Boden hat, nimmt einen Flur oder legt die Zettel auf einen langen Tisch.
- An den Tagen danach tun Sie den ersten Schritt. Erledigen Sie, was Sie in Schritt 7 für diese Woche festgelegt haben.
- Am Ende der Woche vergleichen Sie. Planen Sie dasselbe Vorhaben in zehn Minuten auf Papier rückwärts, vom Termin bis heute. Was steht auf dem Papier, was auf den Zetteln, und was nur an einer der beiden Stellen?
Ganz fair ist der Vergleich nicht, denn beim zweiten Durchgang kennen Sie das Vorhaben schon besser. Bringt Ihnen der Raum trotzdem nichts, was das Papier nicht auch bringt, planen Sie künftig auf Papier. Wenn Sie Ihr Vorhaben vorher noch einmal von drei Seiten ansehen wollen, hilft die Disney-Strategie.
Typische Fehler
Die Richtung stammt aus einem Buch. Wer die Linie so legt, wie es eine Ausbildung vorgibt, und nicht so, wie er Zeit selbst ordnet, steht auf einer fremden Linie. Fangen Sie bei Ihrer eigenen Anordnung an.
Es liegen zu viele Zettel. Mit zehn Zwischenpunkten wird aus der Übung ein Projektplan auf dem Boden. Zwei bis vier reichen, die Einzelheiten kommen danach in den Kalender.
Sie bleiben auf der Linie. Lücken und Engpässe fallen meist erst beim Schritt zur Seite auf. Wer ihn auslässt, sieht nur einen Punkt nach dem anderen.
Das Zielbild bleibt vage. „Das Projekt ist fertig" reicht in Schritt 4 nicht. Erst wenn Sie sagen können, was an diesem Tag läuft und wer was zu Ihnen sagt, haben Sie einen Punkt, von dem aus Sie rückwärts gehen können.
Die Linie führt zu weit zurück. Wer bei einem Vorhaben anfängt und bei einem Erlebnis aus der Kindheit landet, hat das Thema gewechselt. Gehen Sie zurück zum Vorhaben. Warum die Suche nach frühen Ursachen heikel ist, steht im nächsten Abschnitt.
Wo Timeline-Arbeit passt und wo ihre Grenzen liegen
Gut passt die Übung zu Vorhaben mit festem Termin und mehreren Etappen, zum Rückblick auf ein abgeschlossenes Projekt und zu Entscheidungen, deren Folgen sich über Monate verteilen. In allen drei Fällen geht es um eine Reihenfolge, die Sie auf der Linie vor sich sehen.
Dass Menschen Zeit räumlich denken, ist gut belegt. Die Kognitionspsychologie spricht von einer mentalen Zeitlinie. Ihre Richtung hängt aber von Sprache und Kultur ab. Lera Boroditsky und Alice Gaby ließen 2010 je 14 Studierende aus Stanford und 14 Angehörige der Pormpuraaw-Gemeinschaft in Australien Bildkarten in eine zeitliche Reihenfolge legen, etwa Fotos eines Mannes in verschiedenen Lebensaltern. Die Studierenden legten sie von links nach rechts, egal in welche Richtung sie saßen. Die meisten Pormpuraawans legten sie von Osten nach Westen, und die Richtung änderte sich mit der Sitzrichtung. Eine Zeitlinie, die bei allen Menschen gleich verläuft, gibt es also nicht. Deshalb beginnt die Anleitung oben bei Ihrer eigenen Anordnung.
Für die weitergehenden Behauptungen fehlen die Belege. Studien, die zeigen, dass man mit Timeline-Arbeit besser plant als mit anderen Methoden, kenne ich nicht, ebenso wenig Studien zu den Persönlichkeitsunterschieden zwischen In Time und Through Time. Die Studienlage zu NLP insgesamt ist dünn, und viele der überprüfbaren Behauptungen haben Studien nicht bestätigt. Was die Forschung im Einzelnen sagt, fasse ich im Abschnitt Kritik an NLP: Was die Forschung sagt zusammen.
Heikel wird es, wenn eine Übung auf der Linie nach einer frühen Ursache sucht, etwa einem Erlebnis aus der Kindheit, das ein heutiges Problem erklären soll. Die Psychologin Elizabeth Loftus hat in vielen Experimenten gezeigt, dass suggestive Fragen und Vorstellungsübungen Erinnerungen verändern. In einem ihrer Versuche glaubte etwa jede vierte Versuchsperson danach, sich an ein Ereignis zu erinnern, das nie stattgefunden hatte. In einer weiteren Studie stellten sich Versuchspersonen Kindheitserlebnisse vor, die sie zuvor für unwahrscheinlich gehalten hatten. Danach wuchs bei mehr von ihnen die Überzeugung, dass es die Erlebnisse gegeben hatte, als bei Versuchspersonen ohne diese Vorstellungsübung. Wer auf der Zeitlinie eine Ursache sucht, findet deshalb manchmal eine, die erst durch die Suche entstanden ist. Auch im Beispiel oben hatte sich die Erinnerung verschoben, obwohl das Projekt erst wenige Monate zurücklag.
Belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit gehören in eine Psychotherapie und nicht in ein Kommunikationstraining. Erste Ansprechpartner sind Ihre Hausärztin, Ihr Hausarzt oder eine psychotherapeutische Praxis. Wer Ihnen auf der Zeitlinie eine Rückführung zu frühen Ursachen anbietet, verlässt den Rahmen, in dem diese Übung hier steht.
Häufige Fragen
Was ist Timeline-Arbeit im NLP?
Timeline-Arbeit ist ein NLP-Format, bei dem Sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Linie im Raum auslegen, meist mit Zetteln auf dem Boden. Sie gehen die Linie ab und treten neben sie, um ein Vorhaben vom Ende her zu planen oder mit Abstand auf ein abgeschlossenes Projekt zu sehen.
Was bedeutet In Time und Through Time?
Bei In Time läuft die Zeitlinie durch die Person hindurch, die Vergangenheit liegt meist hinter ihr und die Zukunft vor ihr. Bei Through Time liegt die ganze Linie vor ihr, oft von links nach rechts. Viele Menschen passen in keines der beiden Muster. Dass die Muster etwas über die Persönlichkeit verraten, ist nicht belegt.
Kann man Timeline-Arbeit allein machen?
Ja, mit einem Vorhaben, das Sie nicht belastet. Die Anleitung oben ist dafür geschrieben, und statt eines Raums reicht auch ein langer Tisch oder ein Zeitstrahl auf Papier. Allein fehlt Ihnen jemand, der nachfragt, wenn das Bild vom Ziel vage bleibt. Erinnerungen, die Sie belasten, gehören nicht in eine Übung, die Sie allein machen.
Ist Timeline-Arbeit dasselbe wie Time Line Therapy?
Nein. Time Line Therapy ist ein Verfahren, das Tad James aus der Timeline-Arbeit entwickelt hat und dessen Name als Marke für ihn eingetragen ist. Es richtet sich auf belastende Gefühle aus der Vergangenheit. Die Übung in diesem Beitrag plant Vorhaben und blickt auf Projekte zurück, mit Time Line Therapy hat sie nichts zu tun.
Timeline-Arbeit mit Anleitung üben
Mit der Anleitung oben können Sie die Timeline-Arbeit allein ausprobieren. Schwierig ist meist Schritt 4, weil das Bild vom Ziel vage bleibt. Ein Gegenüber, das nachfragt, macht es oft schneller konkret. Im Coaching für Beruf und Führung arbeiten wir an Ihrem konkreten Anliegen. Weitere Übungen, die Sie ohne Partner machen können, stehen im Beitrag NLP-Übungen für zuhause.