Kongruenz in der Psychologie: was Rogers, Satir und Schulz von Thun damit meinen
Kongruenz heißt Übereinstimmung, aber was übereinstimmen soll, hängt vom Autor ab. Bei Carl Rogers geht es um Erleben und Selbstbild, bei Schulz von Thun um Worte und Tonfall. Der Beitrag ordnet die Bedeutungen, nennt die Studienlage und zeigt, was Sie mit einer inkongruenten Nachricht anfangen.
Kongruenz heißt in der Psychologie Übereinstimmung. Was übereinstimmen soll, hängt davon ab, wen Sie lesen. Bei Carl Rogers passt das Erleben eines Menschen zu seinem Selbstbild. Bei Virginia Satir und Friedemann Schulz von Thun passen seine Worte zu Stimme und Körpersprache. Wer „kongruent" in einem Lehrbuch liest und im nächsten Seminar wieder hört, begegnet deshalb nicht immer derselben Sache.
Dieser Beitrag trennt die Bedeutungen, nennt die Zahlen aus der Therapieforschung und zeigt an einem erfundenen Gespräch, was Sie mit einem „Passt schon" anfangen, das nicht passt. Die Bedeutung im NLP erklärt der Lexikoneintrag zur Kongruenz.
Die Bedeutungen im Vergleich
| Wer | Was stimmt überein | Das Gegenteil | Wo es gebraucht wird |
|---|---|---|---|
| Carl Rogers | Erleben und Selbstbild, beim Therapeuten auch Haltung und Auftreten | Der Mensch erlebt etwas, das nicht zu seinem Selbstbild passt | Psychotherapie |
| Reinhard und Anne-Marie Tausch | Worte und Handeln der Lehrkraft mit dem, was sie denkt und fühlt | Die professionelle Fassade | Schule |
| Virginia Satir | Worte und Ausdruck, dazu eine Entwicklungsaufgabe | Worte und Ausdruck widersprechen sich | Familientherapie |
| Friedemann Schulz von Thun | Sprachliche und nichtsprachliche Anteile einer Nachricht | Die inkongruente Nachricht | Kommunikation |
Die ersten beiden Zeilen beschreiben eine Haltung in einer Beziehung, die unteren beiden das, was im Gespräch beobachtbar ist. Ob jemand im Sinne von Rogers kongruent ist, lässt sich von außen nicht ablesen. Eine inkongruente Nachricht im Sinne von Schulz von Thun können Sie dagegen hören.
Rogers: Kongruenz und Inkongruenz in der Therapie
Carl Rogers nannte 1957 sechs Bedingungen dafür, dass sich eine Persönlichkeit in der Therapie verändert. Zwei davon verwenden den Begriff, und zwar für beide Personen im Raum. So gibt es Elisabeth Eager in ihrer Zusammenfassung im Person-Centered Journal von 2010 wieder, aus der ich hier zitiere.
Der Klient ist inkongruent. Rogers versteht darunter einen Widerspruch zwischen der tatsächlichen Erfahrung und dem Bild, das ein Mensch von sich hat. Ein erfundenes Beispiel: Jemand hält sich für gelassen und erklärt die schlechten Nächte vor jedem Gespräch mit dem Chef mit zu viel Kaffee. Der Ärger passt nicht ins Selbstbild und kommt deshalb nicht als Ärger an.
Der Therapeut ist kongruent. In der Beziehung ist er „congruent or integrated". Er spielt dem Klienten nichts vor. Im Deutschen heißt diese Bedingung deshalb auch Echtheit. Vollkommenheit verlangt Rogers nicht. Der Therapeut müsse kein Vorbild sein, das diese Stimmigkeit in jedem Bereich seines Lebens zeigt.
Was Studien zur Echtheit zeigen
Gregory Kolden und sein Team haben dazu 2018 eine Metaanalyse in der Zeitschrift Psychotherapy veröffentlicht. Sie umfasst 21 Studien mit 1192 Patientinnen und Patienten. Der Zusammenhang zwischen der Kongruenz des Therapeuten und der Besserung lag bei r = .23, das Konfidenzintervall reichte von .13 bis .32. Umgerechnet entspricht das einem d von etwa .46.
Nach den üblichen Faustregeln ist das ein kleiner bis mittlerer Zusammenhang. Die Zusammenfassung des Reviews von Drug and Alcohol Findings schreibt, solche Studien könnten keine Kausalität belegen. Sie fährt fort, es sei aber wahrscheinlich und für alle in Therapie und Ausbildung die sicherste Annahme, dass Therapeuten mit Echtheit eine wirksame therapeutische Beziehung stützen. Einen Punkt ergänze ich selbst, er steht dort nicht. Der Zusammenhang könnte auch andersherum laufen, denn wenn eine Therapie gut läuft, fällt es einem Therapeuten vielleicht leichter, echt zu sein.
Und die Metaanalyse gilt für Psychotherapie. Sie sagt nichts über Jahresgespräche oder Besprechungen, und auch nichts über NLP. Für Kongruenz als NLP-Begriff habe ich bei der Recherche keine solche Prüfung gefunden. Wie dünn die Belege für NLP im Ganzen sind, fasst der Abschnitt Kritik an NLP: Was die Forschung sagt zusammen.
Kongruenz in der Pädagogik
Reinhard und Anne-Marie Tausch erforschten und verbreiteten die Gesprächspsychotherapie im deutschsprachigen Raum und übertrugen Rogers' Haltungen auf die Schule, unter anderem in ihrer Erziehungspsychologie. Ihre Skala zum Echt-Sein diente laut einem Aufsatz von Behr, Doubek und Holl (Person, 2002) in Studien zur Psychotherapie ebenso wie zu Unterricht und Erziehung. Sie beschreibt das Merkmal mit Sätzen wie „Eine Person sagt das, was sie denkt und fühlt." Bei einer echten Lehrkraft passen also Worte und Handlungen zu ihren Gedanken und Gefühlen. Der Wikipedia-Artikel zu Reinhard Tausch ergänzt, sie verberge sich nicht hinter einer professionellen Fassade. Für mich heißt das nicht, dass sie jede Stimmung in die Klasse trägt. Wenn sie aber sagt, sie habe Zeit für eine Frage, stimmt das auch.
Satir: drei Arten, etwas zu sagen
Virginia Satir arbeitete mit Familien und beobachtete, wie Menschen unter Druck sprechen. Michael Argumaniz Hardin beschreibt für das Virginia Satir Global Network, dass sie Kongruenz einerseits als Entwicklungsaufgabe sah und andererseits als Art, etwas mitzuteilen. Beim Mitteilen gebe es mindestens drei Möglichkeiten:
- Unstimmige Worte, stimmiger Ausdruck. Jemand sagt das Falsche, und Stimme und Gesicht zeigen, was wirklich los ist.
- Stimmige Worte, unstimmiger Ausdruck. Die Worte treffen zu, der Rest spielt eine andere Rolle.
- Beides stimmig. Hardins Beispiel ist eine Frau, die „Ich bin glücklich" sagt, und Stimme, Augen und Bewegungen zeigen dasselbe.
Zum Ausdruck zählt Satir neben Stimme und Mimik auch Gesten, Körperhaltung, Muskelspannung, Hautfarbe und Atem. Die vier Muster, in die Menschen laut Satir unter Druck fallen, beschreibt der Eintrag zu den Satir-Kategorien.
Schulz von Thun: die inkongruente Nachricht
Friedemann Schulz von Thun führt in Miteinander reden 1 einen eigenen Abschnitt zu kongruenten und inkongruenten Nachrichten. In einer kongruenten Nachricht stützen sich sprachliche und nichtsprachliche Anteile. In einer inkongruenten widersprechen sie sich, und der Empfänger muss entscheiden, was gilt. Ich stütze mich hier auf eine Lehr-Zusammenfassung des Buchs und nicht auf den Originaltext.
Danach kann eine Aussage auf vier Wegen eine zweite Bedeutung bekommen. Die Beispiele sind von mir erfunden.
- Durch den Kontext. Das Projekt liegt drei Wochen hinter dem Plan, und die Chefin sagt: „Ein toller Zeitplan."
- Durch die Formulierung. Zwei Tippfehler im Protokoll, und der Kollege sagt: „Das ist eine Katastrophe, das überlebt die Abteilung nie."
- Durch den Körper. Jemand sagt „Ich bin offen dafür" und verschränkt die Arme.
- Durch den Tonfall. „Schön, dass Sie es auch noch geschafft haben."
Die Zusammenfassung nennt auch den Vorteil für den Sender. Wer so spricht, legt sich nicht fest. Wird es eng, kann er sagen, so habe er es nicht gemeint. Für den Empfänger entsteht dagegen eine Doppelbindung, wie sie der Eintrag zum Double Bind beschreibt.
Erfundenes Beispiel: ein „Passt schon", das nicht passt
Eine Teamleiterin stellt dem Kollegen Tom den neuen Vertretungsplan vor. Er schaut auf den Tisch, zuckt mit den Schultern und sagt nach einer Pause: „Passt schon." Szene und Namen sind erfunden.
Fassung eins, sie nimmt die Worte. Sie sagt: „Gut, dann ist das geklärt." Zwei Wochen später tauscht Tom jede zweite Schicht. Der Einwand war da, er kam nur nicht zur Sprache.
Fassung zwei, sie deutet. Sie sagt: „Ich sehe doch, dass Sie sauer sind." Tom sagt: „Bin ich nicht." Jetzt streiten beide darüber, was er fühlt. Tom kann das nur verlieren, oder er macht zu.
Fassung drei, sie beschreibt und fragt. Sie sagt: „Sie haben ‚passt schon' gesagt, und ich habe den Eindruck, da ist noch etwas offen. Was würden Sie am Plan ändern?" Tom sagt, der Montag sei wegen der Kinder schwierig. Wäre er nur müde gewesen, hätte er das gesagt, und die Frage hätte nichts gekostet.
Die dritte Fassung behandelt den Widerspruch als Anlass für eine Frage. Warum das sicherer ist als jede Deutung, steht im Beitrag zum Kalibrieren.
Die 7-38-55-Regel hilft hier nicht
An dieser Stelle fällt oft die Behauptung, Worte machten nur sieben Prozent einer Botschaft aus. Albert Mehrabian, von dem die Zahlen stammen, schränkt das auf seiner Seite zum Buch Silent Messages selbst ein. Die Gleichung stammt aus Versuchen zu Gefühlen und Einstellungen, also dazu, ob jemand etwas mag oder nicht. Spricht jemand nicht über Gefühle oder Einstellungen, gilt sie laut Mehrabian nicht.
Tom äußert eine Einstellung zum Plan, diese Einschränkung trifft ihn also nicht. Die Gleichung hilft trotzdem nicht weiter. Sie verrechnet Worte, Stimme und Gesicht zu einem Gesamtwert für Mögen oder Nichtmögen. Was Tom am Plan stört und ob es überhaupt der Plan ist, steht darin nicht. Das erfährt die Teamleiterin nur, wenn sie fragt.
Wenn Sie selbst inkongruent sind
Bemerken Sie das Zögern bei sich, hilft es wenig, an der Stimme zu arbeiten. Zwei andere Wege sind brauchbarer.
Sagen Sie den Teil, der stimmt. Wer nur einem Teil einer Entscheidung zustimmen kann, nennt beide Teile. „Das Ziel teile ich, beim Termin bin ich skeptisch" lässt sich mit ruhiger Stimme sagen, weil beides wahr ist.
Klären Sie vorher, was Sie zögern lässt. Dafür taugen die Fragen aus dem Ökologie-Check. Wie Sie Kritik so formulieren, dass Sie dahinter stehen können, zeigt der Beitrag Feedback, das ankommt.
Häufige Fragen
Was bedeutet Kongruenz in der Psychologie?
Kongruenz bedeutet Übereinstimmung. In der Gesprächspsychotherapie von Carl Rogers ist es die Übereinstimmung von Erleben und Selbstbild, in der Kommunikationspsychologie die Übereinstimmung von Worten, Stimme und Körpersprache.
Was bedeutet Kongruenz nach Rogers?
Rogers verwendet den Begriff für beide Seiten der Therapie. Der Klient ist inkongruent, weil sein Erleben nicht zu seinem Selbstbild passt. Der Therapeut soll in der Beziehung kongruent sein, also echt und ohne Fassade.
Ist Kongruenz dasselbe wie Echtheit?
Im Deutschen wird Rogers' Bedingung oft mit Echtheit übersetzt. In der Kommunikationspsychologie ist Kongruenz enger gefasst. Dort bezeichnet der Begriff nur, ob die Anteile einer Nachricht zusammenpassen. Auch wer etwas auswendig Gelerntes überzeugend vorträgt, kann in diesem engen Sinn kongruent wirken.
Was ist eine inkongruente Nachricht?
Eine Nachricht, deren sprachliche und nichtsprachliche Anteile sich widersprechen, etwa ein „Ist in Ordnung" mit abgewandtem Blick. Der Empfänger muss entscheiden, welchem Signal er glaubt. Am sichersten ist es, den Widerspruch zu beschreiben und nachzufragen.
Was bedeutet Kongruenz in der Pädagogik?
Eine kongruente Lehrkraft sagt und tut das, was sie auch denkt und fühlt. Reinhard und Anne-Marie Tausch haben diesen Gedanken von Rogers in die Schule übertragen und sprachen von Echtheit.
Wenn es um ein konkretes Gespräch geht
Steht ein Gespräch an, bei dem Sie etwas vertreten sollen, das Sie selbst nicht ganz teilen, können wir es im Coaching vorab durchgehen.